scrum prozess

 

Zur Halbzeit des ersten Scrumpiloten bei inet bitten wir sowohl den inet Innovation Manager und Scrum Master Michael Beck sowie den Scrum-Berater Peter Stadelwieser zum Interview.
Wir finden es spannend die interne Sicht und die externe Sicht direkt gegenüber zustellen. So bekommen Sie unterschiedliche Blickwinkel auf unsere Erfahrungen mit der agilen Entwicklungsmethode.

 

Lieber Herr Stadelwieser, lieber Herr Beck. Danke, dass Sie sich  zur Halbzeit des Scrumpiloten die Zeit nehmen, die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen. Gleich zu Beginn: Was ist für Sie das Wichtigste an der Methode Scrum?

Scrum Berater

 

Scrum Master

 

Peter Stadelwieser:

Scrum hat für mich vor allem mit Umdenken zu tun. Es geht im Kern darum, dass ein autonomes Team das liefert was gebraucht wird, nicht was, teilweise schon vor langem und von Einzelpersonen, geplant wurde.

 

Michael Beck:

Das Wichtigste ist, dass Scrum nicht nur eine andere Methode der Softwareentwicklung ist, sondern viel mehr eine komplette Änderung des Mindsets, vielleicht sogar einer ganzen Organisation.

 

Sie bezeichnen beide Scrum als neues Mindset – was bedeutet das genau?

 

Scrum als agile Entwicklungsmethode bedeutet neue Prioritäten und Grundsätze. Das sogenannte „Agile Manifest“ fasst das gut zusammen:  Individuen und deren Interaktion, funktionierende Software,
enge Zusammenarbeit mit Kunden und schnelle Reaktionsfähigkeit auf neue Änderungen
haben oberste Priorität. Wichtig, aber zweitragnig sind weiterhin Prozesse und Werkzeuge, detaillierte Dokumentationen, Vertragsverhandlungen und eine genaue Planerfüllung. Das ist ein richtiger Paradigmenwechsel. 

 

 

Damit meine ich, dass Scrum immer iterativ, also schrittweise denkt.Es geht darum kleinere Pakete schneller live stellen zu können, um möglichst schnell zu testen, ob diese in die gewünschte Richtung des Kunden gehen. In klassischen Projekten wird dagegen oft lang und teuer konzipiert, programmiert, getestet und ausgeliefert. Der ganze Zyklus ist sehr aufgeblasen und schwerfällig. Am Schluss stellt man dann oft fest, dass sich mittlerweile etwas geändert hat oder noch schlimmer bereits zu Beginn etwas anders gemeint war. Scrum setzt Nutzenorientierung über alles andere und stellt immer die Frage: was bringt dem Kunden jetzt am schnellsten den größten Nutzen, auch wenn im Moment nicht alle Wenns und Abers, Eventualitäten und Ausbaustufen berücksichtigt werden. 

 

Was hat sich als größter Vorteil der Methode im Pilot herausgestellt?

 

Das Team entwickelt gemeinsam Produkte, die der Markt braucht und nicht nach alter Spezifizierung. Durch die kürzeren Regelkreise reagiert man viel schneller und kann sich besser auf überschaubare Tasks konzentrieren. Prinzipiell steht bei Scrum immer das Team viel mehr im Mittelpunkt, weniger bestimmte Tasks und Fähigkeiten. So wird Wissen besser verteilt, voneinander gelernt und Aufgaben selbstorganisierend gelöst. Die Praxis zeigt, dass die Teams zum Beispiel viel bessere Schätzungen liefern als einzelne Projektleiter. 

 

 

Wenn ich es mit drei Worten beschreiben müsste, würde ich sagen; kleiner, schneller, öfter. Also kleinere Entwicklungen sind schneller und öfter auslieferbar. Unser Umfeld Logistik und IT ist wahnsinnig komplex. Durch das Herunterbrechen auf kürzere Sprints wird Komplexität herausgenommen  und Tasks werden greifbarer. Per Definition ist ein ganzer Scrum Cycle auch viel kürzer angelegt – zum Beispiel sollte ein Release Backlog in maximal drei Monaten abgearbeitet sein. Die „Sprints“ dazwischen, also die Entwicklungsphasen an deren Ende eine funktionierende Erweiterung der Software steht, sind auf einen Monat beschränkt. So bekommt man schneller Feedback vom Kunden und vom Markt und kann öfter gemeinsam Erfolge feiern – das alles gibt wieder richtig Motivation für den nächsten Sprint.

 

Worauf sind Sie persönlich und konkret stolz?

 

In meiner Beratungspraxis sehe ich viele Firmen, die die Methode nur teilweise leben oder gleich zu Beginn Teile der Methodik weglassen. Beispielsweise ernennen viele Unternehmen keinen Scrum Master, den es aber als zentralen Kümmerer definitiv braucht. inet hat mit dem ganzen Set an Rollen und Tools angefangen und dann erst mit der Erfahrung Techniken individuell angepasst.

Externe Beratung zu einem frühen Zeitpunkt in Anspruch zu nehmen, ist außerdem klug, um die neue Methode und Technologien rasch und richtig zu lernen. Das gibt eine steile Lernkurve

 

 

Um agil zu entwickeln, braucht man ganz andere Fähigkeiten und Eigenschaften als im klassischen Wasserfallmodell. Das Team verantwortet viel mehr als sonst – da braucht es z.B. Mut Tasks mal beinhart abzugrenzen, zeitlich zu verschieben oder ganz zu streichen. Über die Zeit konnte man bei manchen Teammitgliedern richtig sehen wie sie mutiger wurden und mehr und mehr Eigenverantwortung übernommen haben. Außerdem werden Kompetenzen im Scrumteam spürbar gestärkt, weil wir in einer fixen Konstellation bestehen bleiben, eigene Bugs korrigieren und eine gemeinsame Sicht auf den Nutzen und die nächsten Schritte haben. 

 

In welchem Bereich, würden Sie sagen, hat inet bis dato am meisten gelernt?

 

Zu Beginn war eine klare Trennung in Wissensdomänen zu erkennen. Jedes Teammitglied hatte sein eigenes Spezialgebiet -das kenne ich aus vielen Softwareunternehmen. Dadurch braucht es meistens auch länger bis das Team zusammenfindet und untereinander besser Wissen teilt. Im Laufe des Projekts konnte ich sehen wie das Team offener wurde und mehr und effizienter kommunizierte. Das hat im Endeffekt dazu geführt, dass manche Skills nun breiter aufgestellt sind im Team und effizienter entwickelt wird.

 

 

Wir sind es sehr gewohnt in technischen Dimensionen zu denken. Das Erstellen von Epics und User Stories fiel anfangs einigen Kollegen und Kolleginnen nicht so leicht. Darin wird in Prosa beschrieben was die Situation und die Anforderungen des Kunden sind. Vom umfassenden Epos werden immer detailliertere User Stories abgeleitet. Dadurch bekommt man das Verständnis für das große Ganze und hat immer den Kunden im Fokus. So kann man Fehler vermeiden, Verbesserungen aktiv vorschlagen und ist motiviert, weil man seine eigene Arbeit im sogenannten "bigger picture" wiedererkennt.

 

 Wird es in Zukunft mehr Scrum-basierte Projekte bei inet geben?

Ich hoffe doch! Wenn man bedenkt, dass sich in Projekten durchschnittlich 3% der Anforderungen pro Monat ändern, summiert sich das bei nur 10 Monaten Projektzeit auf 30% geänderte Anforderungen. Das zeigt, dass man immer von einer Entwicklungsmethode profitiert, die mit Änderungen nicht nur umgehen kann, sondern sie erwartet bzw. sogar darauf ausgelegt ist. 

 

Dazu kann man nicht einfach Ja oder Nein sagen. Viele Faktoren müssen evaluiert werden und organisatorische, personelle, technische und finanzielle Überlegungen gemacht werden.

Aber mehr dazu ein anderes Mal… .

 

Ein gutes Video zu den Grundlagen, Werkzeugen und Rollen von Scrum finden Sie auf Englisch hier: 

https://www.youtube.com/watch?v=XU0llRltyFM

 

Weiter Links:

http://www.scrumguides.org/